Eine kleine, seltsame Reiseerzählung

Das kleine Antiquariat - Eine Reiseerzählung

Es juckte mich in den Socken. Ich musste mal wieder auf Reisen gehen, obwohl ich eigentlich keine Lust verspürte. Doch tief in mir, da war etwas, dass ließ keinen Widerspruch zu. Also packte ich mein Bündel und marschierte los. Ein direktes Ziel hatte ich nicht, doch das erhöhte für mich nur den Reiz. Eine Reise ins Unbekannte. In die Ferne, voller Abenteuer und Gefahren.

Manche denken nun vielleicht ich hätte mich tatsächlich in Bewegung gesetzt, doch dass ist ein Irrtum, denn ich ging nur in das kleine Antiquariat um die Ecke, und fing an zu stöbern. Meine Reise sollte eine Bücherreise werden.
Im kleinen Antiquariat roch es nach altem Pergament und frischem Papier. Der Duft vom Leder alter Schwarten stieg mir in die Nase, und dumpfes Kerzenlicht stimmte mich über die Augen ein. Es war der Duft und der Eindruck auf die Sehnerven, wie nur Antiquariate es einem bieten können, und sofort fangen alle Gehirnwindungen an, sich auf tiefe Geistigkeit und unerreichte Phantasien einzustellen.
Ich ging die Reihen der Regale ab, und überflog sie mit meinen Augen. Hölderlin, Goethe, Schiller, die großen alten Dichter, alles Erstauflagen von ausgesuchter Schönheit und unermesslichem Wert. Ich kam an der Sachliteratur vorbei. "Wie man Schnecken trainiert", "Erfolg mit Apfelbäumen", "Wissen in 20000 Worten von A-Z", "Das Handbuch der schwarzen Magie", "Das Geheimnis des Absoluten", "Wege zum Leben", "Reise in die Nacht". Ah, ich hatte die Romane erreicht: "Nachtwanderer". "Der einsame Storch". "Agentenfieber"." Die Todesschwadron". "Totgesagte leben länger".
Während ich meine Augen über die verschiedenen Titel wandern ließ, fingen meine Gedanken das Fliegen an. Was nicht schon alles geschrieben wurde. Gibt es überhaupt irgendetwas, was noch nicht geschrieben wurde? Wie viele Möglichkeiten gibt es 26 Buchstaben zu kombinieren, wenn man ein paar Millionen davon in wechselnd langen Reihen aneinander hängt?
Tief in meine Grübeleien versunken, merke ich gar nicht, wie sich der Herr des kleinen Antiquariats hinter mir in Stellung gebracht hat. Interessiert beobachtet er mich und meine Reise durch sein Sortiment.
"Kann ich Ihnen helfen?" fragt er freundlich.
Hmmm... kann er mir helfen?
"Ich mache nur eine kleine Reise," antworte ich, "Ich weiß aber eigentlich nicht wieso, und warum, und eigentlich weiß ich auch nicht wo es hingeht. Können sie mir da helfen?"
Der Antiquar, der irgendwie etwas geheimnisvolles an sich hat, schaut mich lange und durchdringend durch seine großen Brillengläser an, während er nebenbei eine Pfeife schmaucht, die seine Erscheinung nachdenklich wirken lässt.
"Reisende soll man nicht aufhalten, heißt es." Erwidert er. "Und wieso und warum, dass wissen wir alle nicht."

"Alle", hallt es in mir nach. Wir alle wissen nicht. So trivial die Aussage dieses merkwürdigen alten Antiquars war, so löste sie in mir in diesem Moment etwas aus. Wir wissen alle nicht. Keiner weiß, was morgen passiert. Keiner weiß. Ich kann sein was ich will. Ich kann sein. Ich bin, das ist. Und keiner weiß sonst etwas... keiner...
Die Erkenntnis hatte mich getroffen wie einen Blitz. Ein Einschlag, ein großer Bada-Bumm. Ich stand da wie vom Donner gerührt, zwischen all den alten und antiquarischen Büchern. Meine Reise war zu Ende. Ich wusste wieso ich Sie gemacht hatte, auch wenn keiner es verstehen würde.

Während dies in meinem Kopf in Bruchteilen von Sekunden stattfand, hatte mich der Herr des kleinen Antiquariats nicht aus den Augen gelassen. Er stand da und ein Schimmer, ein kleines Leuchten erhellte sein Gesicht. Er lächelte verschmitzt, fast diebisch sich freuend, als ob er wüsste was gerade passiert ist.
"Nun gut," hob er wieder zu sprechen an, "dann können wir ja noch einen Tee trinken, bevor Sie sich wieder auf den Heimweg machen."
"Sehr gerne." Gab ich zurück.

Während wir den Tee tranken plauderten wir über Bücher und große Werke, es war wie ein kleines munteres Tennisspielchen ohne Leistungsdruck. Wir spielten uns die Bälle hin und her, jonglierten mit Worten und Wörtern, bauten Sätze und Absätze, spielten Surf & Volley mit Buchstabenreihen, bis es Zeit wurde und ich, um ein tiefes Erkennen bereichert, meinen Heimweg antrat.

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