Knecht wird geprüft
Knecht war ein normaler Junge. Er ging zum Kindergarten, in die Schule und
die Hochschule. Er wurde vollgestopft mit Konzepten über die Welt, und brav wie er war,
fraß er alles
in sich rein. Doch irgendwann während seiner Hochschulzeit wollte er die Wahrheit wissen. Er war mit
den vorgefertigten Konzepten, die nur dazu da zu sein schienen, um ihn zu etwas zu machen, nicht mehr
zufrieden. Er dachte, da müsse es doch tatsächlich ein tieferes Wissen geben.
Er legte sein Studium auf Eis, und fing an zu lesen. Er kaufte Bücher in
großen Mengen, primär um
sich selber mit ihnen auseinander zu setzen. Einen Teil der Bücher verkaufte er wieder. So finanzierte
er sich seinen Lebensunterhalt und rechtfertigte sich selbst sein handeln. Aber in Wirklichkeit wollte
er nur wissen. Jedes Buch das ihn ansprach nahm er heraus und las es, solange es ihn ansprach.
Er wurde ein Freund von Laotse, dem guten Alten, und Khalil Gibran. Er liebte Hermann Hesse's
Siddharta, und er erkannte langsam aber sicher, dass auch viele andere Menschen in der vergangenen
Zeit schon versucht hatten in Worten auszudrücken, was in Worten nur schwer auszudrücken ist.
Und - ach - so viele hatten die letzte Wahrheit schon erkannt, wie er annahm, und versuchten mit
Hilfe von Büchern ihr Wissen allen zugänglich zu machen. Aus unendlich vielen Perspektiven, in
unendlich vielen Geschichten... immer wieder.
Irgendwann wusste Knecht, erkennen keimte in ihm. Und so ließ er ab von den Büchern, denn
sie konnten ihm nichts mehr vermitteln. Der Verkauf von Büchern wurde ihm daraufhin monoton
und langweilig. Was vorher noch eine Leidenschaft war, wurde nun zur anstrengenden Pflicht.
Und so kam es, dass Knecht beschloss, sein Studium abzuschließen, da seine Umwelt ihm dazu
riet, und er in Ermangelung anderer Alternativen war, mit denen er hätte Geld verdienen können
und wollen.
Knecht fehlten nur noch zwei mündliche Prüfungen zum Abschluss, und obwohl ihn vor mündlichen
Prüfungen grauste, da sie allzu subjektiv waren, nahm er seinem Umfeld zuliebe die Herausforderung an.
Die erste Prüfung lief sehr gut. Der Professor war ein alter, weiser Mann, der Knechts Geistigkeit
erkannte, sie wahrnahm, und mit ihm einen themenbezogenen Dialog führte. Knecht hatte von den
Details der Konzepte auf denen der Professor sein Wirklichkeitsbild aufgebaut hat nicht soviel Ahnung,
konnte sich aber gut auf den Professor einstellen, und diesem erschien Knecht wiederum
sympathisch
und auf einer Wellenlänge. Die Prüfung war ein Wortspiel, indem sich Professor und Prüfling, Begriffe
und Worte wie Bälle zuspielten, ohne das Thema außer Acht zu lassen. Das Thema und Fachgebiet
der Prüfung war Basis des Spieles ihrer Geistigkeit, und
aufgrund ihrer beidseitigen hohen Spielkunst
gewannen beide am Ende. Der Professor gewann im Herzen und rechtfertigte seine institutionelle
Position und Stellung, da er einem geistig schon über das Studium hinaus entwickeltem, beinahe
ins abseits geratenen Studierenden, trotz seiner mangelnden Fähigkeit sich auf die vorgeschriebenen
Konzepte einzulassen, weiterhalf, und ihm den Sinn von Konzepten und dem Strukturieren an sich
nahe legte. Der Student Knecht gewann, weil er seine auf vielen negativen Erfahrungen beruhenden
Vorurteile über das starre, unmenschliche und nur an Konzepten ausgerichtete Lehr- und Prüfungssystem,
widerlegt sah, und in einer beinahe toten Institution
doch noch einen Keim von Geistigkeit erblicken konnte.
Dann kam - kurz darauf - die zweite Prüfung. Der Professor ein ehrgeiziger und aufstrebender - eher
als jung zu bezeichnender - Konzepte-Reiter, wie Knecht bald feststellen musste. Überzeugt von der
Absolutheit seiner Lehre, die ein Prüfling ihm auswendig und wie aus der Pistole geschossen
vorzutragen hatte. Knecht war dem Untergang geweiht, was er zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht
wusste, und auch gar nicht wissen konnte. Zu Beginn der Prüfung gibt es keinen offenen und freundlichen
Empfang vom Professor selber, wie Knecht es in der ersten Prüfung widerfuhr, sondern ein
Rekrut - dicklich, dümmlich, nervös - wurde mit dem mechanischen Einweisungsritus betraut.
Dieser Rekrut legte Knecht einen toten Zettel vom Professor vor, auf dem genau der Ablauf der
Prüfung vorgeschrieben war. Sodann durfte Knecht einen weiteren Zettel ziehen - Zettelwirtschaft -
auf dem Knecht das zu bearbeitende Thema vorfand. Mit Stoppuhr hielt der Rekrut die Zeit nun fest -
10 Minuten. Knecht registrierte diese für ihn unmenschliche und entwürdigende Mechanisierung.
Er hatte auf einen Dialog von Geist zu Geist gehofft. Das von ihm gezogene Thema sagte ihm nichts.
Er hatte nicht Schablonen und Konzepte auswendig gelernt, doch diese Form der
Wiedergabe - hirnlos,
sinnlos, roboterhaft - wurde hier erwartet. Er hatte bereits verloren bevor es angefangen hatte, dass
merkte er schnell. Doch es sollte noch schlimmer kommen...
Als der Rekrut ihn nach präzise 10 Minuten zum Oberst Professor führte, wo er 5 Minuten über das von
ihm gezogene Thema zu referieren hatte. Ein Dialog fand nicht statt, Unterstützung war nicht zu erwarten.
Der Oberst war ein harter Hund. Als er merkte das Knecht nicht viel zu seinen relativen Konzepten sagen
konnte, zog er gleich seine Waffen. "Was wissen sie eigentlich? War das alles?" Knecht gab sich Mühe,
er versuchte zu retten, was es noch irgendwie zu retten gab. Versuchte die Konzepte und Schablonen des
Oberst Professors in seinen Gehirnwindungen ausfindig zu machen, konnte aber nichts finden. Der
Oberst Professor wurde immer abfälliger und entwürdigender,
mit Seitenblicken zum Rekruten, mit spöttischem
Lachen im Gesicht, führte er Knecht klar vor Augen, dass hier nur er regiert. Geistigkeit zählt nicht.
Er sitzt
am längeren Hebel, und entweder seine Konzepte, oder nichts. Er ist der Oberst in dieser Legion des
institutionellen Heeres. Er ist das Gesetz. Keine Gnade. Keine Hilfe ohne die richtigen Konzepte und
relativen Wahrheiten. Ein junger und dummer Fanatiker, wie Knecht schnell feststellen musste. Er war
hier nicht in einem Hort der Geistigkeit, wie er von der letzten Prüfung ausgehend, noch gedacht hatte,
nein, dies hier war ein Kriegsschauplatz. Er befand sich mitten in Feindesland, und hatte
die richtigen Waffen vergessen. Theoretisch hätte Oberst Professor dem irgendwann vollkommen
verunsicherten
Knecht, irgendwie noch zu einem Bestehen der Prüfung verhelfen können. Doch Oberst Professor hatte
einen schlechten Tag. Er schoss Knecht ab, und auf die Frage hin, was Knecht denn nun tun würde,
die Knecht mit einem, "Naja... vielleicht probiere ich es zum nächst möglichen Termin
noch mal,"
beantwortete, reagierte er mit einem, "Hoffentlich bin ich dann nicht mehr da." Knecht blieb nichts
anderes übrig, als ihm beizupflichten. Denn mit so einem Primaten, wollte er sich um Himmels
Willen nicht mehr auseinandersetzen.
Knecht hat aus diesen Erfahrungen gelernt - denn das ist immer wichtig - dass Rang,
Status und Titel, selbst wenn sie Geistigkeit heucheln, nicht unbedingt etwas mit Geistigkeit
zu tun haben. Und
das man nichts pauschalisieren kann, denn die erste Prüfung
war ja durchaus ein Spiel der Geistigkeit.
Und eines noch trug mir Knecht auf möge ich als sein Schreiberling euch hier mitteilen. Wenn ihr
auf Primaten der Form des Oberst Professors trefft, dann dreht euch um, liebe Freunde der gepflegten
Geistigkeit. Dreht euch um und lasst euch von diesen Fanatikern und Konzepte-Reitern nicht weiter
irritieren. Macht einfach weiter euer Ding. Ihr seid gut wie ihr seid, ihr braucht keine Titel oder
Auszeichnungen, und in den Krieg wollt ihr im Grunde eures Herzens auch nicht, selbst wenn er nur
auf geistiger Ebene ausgetragen wird.
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