Kugelparade

Kugelparade - Seite 1

Aufzug. Vorhang, Nacht. Klanggewitter, Nebel, aber der Bedeutung entsprechend etwas kleiner und nur in Auszügen, nach willkürlichen Kriterien, denn selten weht freie Luft um dich, womit alles über Kriterien gesagt ist: Du, - das bist du Mitmensch, das ist der Kristall und die Palme und der Sternenhimmel. Land auf, Berg ab: Bube, Dame, König, Joker, As, Nummer, alles vorhanden. Alles Kugeln. Ganz groß auch: die Theoriekugel. Viel, viel kleiner, quasi leer, wenn auch um mögliche Welten voluminöser: die Lehren. Wenn man genau hinhört, entrieseln diesem Chaos zarte Perlen durch Blitz und Donner, wie da, die Tractatusperle: Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Der Mensch eine Kugel. Die Menschheit im Kugelmeer, verteilt in Raumkugel und Zeitkugel und Identitätskugeln, die als Dimensionskugeln im All der Kugelbewegung aufgehen. Alles fließt. Das Tier eine Kugel. Die Pflanze eine Kugel. Das Bakterium eine Kugel. Die Materie nur als Kugel. Die Technikkugel als Gestell. Die Viruskugel. Eine Begriffskugel etwas anderes. Die Liste ist endlos, wie jede Liste, Reihe oder Folge endlos ist. Die Elemente dieses Universums heißen Materie, Menschheit und - Ewigkeit. In der Ewigkeitskugel ist für Ende keine Zeit, wie in der Menschheitskugel kein Individuum mit sich selbst identisch ist und in der Materiekugel kein Raum für Negativität ist. Deshalb ist alles endlos und unendlich zugleich, solange es nicht als ewig begriffen ist: beide Begriffe beginnen nur verschiedene Listen derselben Sache: des Begriffs. Jeder Begriffszusammenhang ist ewig. Deshalb sind auch die Begriffe ewig, ganz gleich wie verständig man ihre Veränderung in der Zeit darstellt. Da es keine Zeit gibt, nur Ewigkeit, verändern sich nicht die Begriffe, sondern nur deren Gebrauch in jener. Der Sinn ist ewig, die Bedeutungen beliebig. Durch die Materie sind Menschheit und Ewigkeit. Durch die Menschheit sind Materie und Ewigkeit. In der Ewigkeit sind Materie und Menschheit. Das ist alles.

Bis auf das, worüber zu sprechen noch weniger Sinn hat. Jede Kugel ist anders, jede Bewegung ist anders, nur die Muster wiederholen sich. Manche Kugeln streben danach, mit anderen Kugeln in größeren Kugeln aufzugehen. Andere können das nicht, weil ihre Oberfläche keine dauerhafte Bindung an andere Kugeln begünstigt. Andere wiederum kommen schwer los, sind sie einmal gebunden. In der Begegnung zweier Kugeln zeigen sich die Gesetze. Zum einen Energieerhaltungssatz, zum anderen Veränderung. Trifft ein Kugelglomerat auf eine einzelne Kugel, überrollt es diese. Entweder die Kugel fügt sich in ein eventuell vorhandenes Loch an der Oberfläche ein, oder sie prallt auf, verformt sich, zerstäubt oder torkelt durch den luftleeren Raum. Deshalb fliehen die einzelnen Kugeln die größeren Körper. An sich ist keine Begegnung zu verwerfen, denn für die Kugel macht es keinen Unterschied, wem sie begegnet – ob und wie sie weiterbesteht. Überrolltwerden aber ist keine sinnvolle Form der Begegnung.

Ist die Kugel ist die Nicht-Kugel nicht und ist die Nicht-Kugel ist die Kugel nicht. Zur Zeit gibt es große und kleine Kugeln und Kugelkräfte, immer mehr Kugelkräfte, sowie Gestelle, die Kugeln mit Wellen einfangen und mit Teilchen abschießen… Kugelwellen… Kugeln… sowie Gestelle, die aus Kugeln aufgeblasene Monster machen… deshalb sind nur wenige frei zu nennen. Freiheit ist nur insofern ein Problem, wie Steuerung eines ist. Solange Steuerung ein Problem ist, ist sie nicht. Das gilt für alle Begriffe. Die Steuerung einer Kugel übertrifft die Komplexität eines Hubschraubers um zwei Potenzen. Die größte Schwierigkeit besteht darin, dass es keine Richtungen gibt, so dass die Kugel immer denkt, sie schwebe vorwärts, so dass sie immer vorwärts schwebt, so dass keine unmittelbare Erfahrung der eigenen Steuerkünste gemacht werden kann, weil es kein Scheitern gibt, nur Schuld oder Nicht-Schuld, von Unschuld ganz zu schweigen. Den Moment der Erkenntnis, dass die Steuerung nicht funktioniert hat, gibt es, aber wie alles schwindet er im Vergessen, solange die Kugel auf die immerwährende Forderung einer Neujustierung angesichts des ständig neuen, ungewollten Zielpunktes fixiert bleiben muss, um nicht vor die anderen Kugeln zu schweben, die großen, die die unzureichend beschriebene Schwierigkeit der Steuerung, Erkenntnis und Neujustierung dem immerhin demokratischen Vergessen anheim gegeben haben. Geht sie vor die anderen Kugeln bezieht sich das darauf, dass früher mal, als Kugeln noch einfach so in Ecken verenden durften – wenn sie nur wollten und am häufigsten wenn nicht -, extra Hundekugeln kamen, um die Dreckkugeln zu entfernen. Dreck existiert nicht. Begriffe, die etwas anzeigen, das nicht existiert, sind negativ zu nennen. Das zu vergessen, diese Aufgabe übernimmt nun das Kugelmeer, das weder Sinn noch Zweck noch Bestimmung, also auch keine Pole, kennt.
Die Aufgabe des Vergessens ist so ewig, wie die Kugeln endlich sind. Eine Kugel, die naiv auf eine Marktkugel oder Unmarktkugel trifft, kommt nicht umhin hinein zu passen oder zumindest danach etwas verpasst bekommen zu haben. Die Details sind unendlich, so dass ich dem Thema entsprechend versuche, die Kurve zu kriegen. Den Moment der Erkenntnis gibt es immer, in jedem Vergessen, sonst gäbe es ja nichts zu vergessen, aber da nicht einmal das notwendig ist, schwindet auch das Vergessen in den Spannungsfeldern der Gestelle. Manchmal erscheinen sie mir wie ein gefrorenes Meer ohne Axt, ohne Halt, ohne außen. Auf solch einem Meer ist es möglich geboren zu werden und zu sterben, ohne jemals gelebt zu haben, wenn Leben Freiheit in sich bergen soll, und Freiheit Notwendigkeit und Notwendigkeit das Steuern ist. Schlitterst du noch oder steuerst du schon trifft es, sieht man vom Inhalt ab, ziemlich gut. Nicht, dass mich jemand falsch verstehen will: notwendig ist nur das heilige Dreigestirn Jesuskugel-Materie, Geistkugel-Menschheit, Gottkugel-Ewigkeit. Siehe da, ich bin eine Christenkugel, aber das ist ganz gleich und in dem einem Punkte ebenfalls notwendig. Christlich ist ein äquivalent zu dreiwertig. Ich meine nicht nur, dass ich bin wer ich werde, sondern vielmehr, dass diese Begriffe hier immer Christenkugeln sind, ob sie wollen oder nicht. Begriffe können auch andere Kugeln malen. Wenn sie harmonisieren, spielt es keinen Unterschied, welche Kugel sie beschreiben, weil diese Kugel dann alles ist und alle Kugeln eins und auch das Gestell hat einen Platz…

<< zurück <<       >> weiter >>

*~*~*

Bookmark and Share

Impressum
Disclaimer
Link zum Verlinken: http://www.tigerthilo.de/texte/kugelparade/seite1.html