Die Kunst des Da-Seins
Heute, meine Freunde, will ich eine Hommage schreiben über die größte
Meditationsmeisterin, die mir jemals untergekommen ist. Wisst ihr, ich
habe viele Bücher über Meditation, Kontemplation und stilles Gebet gelesen,
und darunter waren auch durchaus einige Bücher die ganz gut waren, aber so
richtig vom Hocker gehauen hat mich eigentlich keines.
Ich wusste lange nicht ob das an mir lag, oder an den Büchern, oder am Thema,
also dem Meditieren. Ich denke heute es lag wohl am Thema, denn wie kann
man die Stille in Worten erklären, wie kann man die Unendlichkeit des
Seins in Worten darlegen, selbst wenn sie nur auf einem Papier stehen?
Das stellt schon an und für sich einen Widerspruch dar, oder? Komisch,
dass das kaum einer zu registrieren scheint... oder doch? Vielleicht
bin ich ja der einzige, dem das bisher noch nicht aufgegangen ist.
Nun denn, irgendwann, als ich mal wieder reichlich traurig war, habe ich
mich einfach bei uns im Wohnzimmer auf den Fußboden gelegt. Neben mir lag
unser Hund, Hündin um genau zu sein. Ihr Name ist Sally. Sie lag einfach
da, auf dem Fußboden, Augen offen, vollkommen entspannt. Sie war einfach
da, und sah mich vollkommen gelassen an, da ich mich genau in ihr Blickfeld
gelegt hatte.
Seit diesem Moment, habe ich mich öfter mal zu ihr gelegt, wo auch immer
sie lag. Sei es in ihrem Körbchen, oder auf dem Teppich, oder eben
sonst irgendwo im Haus. Und ich habe angefangen Sie zu beobachten,
sie aufmerksamer zu beachten, bewusst. Ich glaube nicht, dass sie
wirklich denkt, oder so etwas wie ein echtes Ego hat, aber doch denke
ich, empfindet sie sich irgendwie als eigenständiges Lebewesen, als
eigenes Leben in dem Körper Hund. Ihr Vorteil ist, dass sie wohl nicht
denken muss, und daher, ist sie immer am Meditieren, insofern es nicht
etwas zu erbetteln gibt, oder ein Spaziergang ansteht, oder eben ein
paar Hunde aus der Nachbarschaft, ihre Präsenz auf den Plan rufen. Aber
bei allem was sie tut, ist sie immer mit Feuereifer dabei. Sie gibt immer
ihr Bestes, sei es bei der Begrüßung, beim sich freuen über das Fressen,
oder dem zu erwartenden Spaziergang, beim Stöckchen apportieren, oder beim
reuigen eingestehen des Diebstahls vom unbewachten Tisch. Und ja,
selbstredend auch beim einfachen Da-Sein, wenn gerade nichts los
ist beziehungsweise wenn sie - aus ihrer Meditation gerissen - eine
Streicheleinheit, mit einem Kopfdrehen und einem Blick erwidert.
Faszinierend ist, dass wenn ich sage, sie gibt ihr Bestes, dann ist
das aus ihrer Perspektive wohl falsch. Denn ich glaube sie ist einfach
sie. Sie ist einfach ein Hund. Sie ist nicht korrumpiert, höchstens
ein kleines bisschen domestiziert. Was bei einem Haushund wohl soviel
heißt wie, er kann mit Menschen umgehen.
Ich ging bei ihr in die Lehre, immer wieder verweilte ich mit ihr, und
sie genoss meine Streicheleinheiten, die ich ihr als Gegenleistung für
ihre Unterweisungen gab. Dieses so unendlich einfache Sein, meine Freunde,
das einfache Da-Sein, dass jedes Tier Euch beibringen kann, das ist das
Tor zu einer Stille und einer sich ins Unendliche und Ewige ergießenden
Dimension. Das einfache Da-Sein ist der Schlüssel zu dieser Weite in euch,
es ist so einfach, dass jedes Wort darüber eigentlich ein Wort zuviel ist.
Und doch will ich noch eines anmerken. Erwartet nicht zu schnell zu viel.
Beharrlich immer wieder das Da-Sein suchend, werdet ihr finden, beharrlich,
immer wieder. Auch wenn anfangs nicht viel passieren wird, wird es sich
vor euch entschlüsseln, und ihr werdet euch rückblickend wundern, wie es
euch entgehen konnte und wie ihr ohne es überhaupt leben konntet, glaubt
mir das.
Ich danke aufrichtig meiner Hündin, dass sie durch ihr Da-Sein, mich auf
diese Dimension hinwies, und daher widme ich ihr diesen kurzen Text, und
dann, dann bin ich wieder einfach nur da... bis da... Tschüss... .
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